Bei Selina fing es mit Bauchweh, Durchfall, Brechen und etwas Fieber an. Sie kam vom Kindergarten noch fröhlich, frech wie immer - setzte sich an den Tisch - sagte .."ich hab' Bauchweh" und legte sich auf das Sofa. Innerhalb einer Minute war sie nicht mehr Selina - sprach nicht mehr und schaute durch uns durch.... Das war am 21. März 2001.
Ausgerechnet an diesem Tag musste ich zum Zahnarzt und ließ sie bei meinen Schwiegereltern zurück.
Als ich nach Hause kam, machte mir mein Schwiegervater mit sehr ernstem Gesicht die Tür auf und ich hörte Selina laut schreien und weinen. Meine Schwiegermutter hielt sie im Arm und Selina hatte sichtlich starke Bauchschmerzen.
Ich rief sofort den Notarzt an und war mir ziemlich sicher, dass es eine Blinddarmentzündung ist - bei diesen Anzeichen.
Wir wurden von dem Notarzt (unser heutiger Hausarzt) ins Krankenhaus überwiesen. Er sagte, sie sollten unbedingt Ultraschall vom Bauch machen. Gesagt getan... Im Krankenhaus nahm man ihr Blut ab und wir wurden nur belächelt als wir das mit dem Ultraschall sagten. Sie wüssten das wohl besser und das wäre vollkommen unnötig. Die Leukos waren nicht erhöht an diesem Mittwoch und sie behielten sie über Nacht zur Beobachtung da. Am nächsten Morgen wurde sie entlassen, obwohl es ihr ersichtlich sehr schlecht ging. Diagnose: Schwere Magen-Darm-Infektion.
Selina ging es schlecht, jeden Tag ließ ich einen Arzt kommen und jeden Tag bekam ich zu hören..."Keine Sorge - das ist der Magen-Darm-Virus. Er ist eben sehr aggressiv aber nicht weiter schlimm".......... Sonntag Abend war für mich der Zustand kritisch. Sie hatte Durchfall, erbrach immer mehr und wurde immer apathischer. Sie konnte nicht mehr laufen. Ich ließ den Notarzt kommen. Unser Internist kam. Wieder die gleiche Auskunft......keine Sorge - nicht schlimm....... Ich war damals so froh...............
Weil es nicht besser wurde, rief ich Montag Morgen unseren (alten) Hausarzt an. Die Auskunft:...was ich für ein Theater mache - dann soll ich in Gottes Namen eben nach 16.00 Uhr mal mit ihr vorbei kommen...... So eilen würde es sicher nicht.......
Er ließ mich Fieber messen. 38,4 ...das sei nicht weiter schlimm.
Um 16.00 Uhr waren wir dann mit ihr dort. Sie war schon fast ganz apathisch. Er machte endlich Ultraschall... Entsetzen in seinem Gesicht.... Sie muss sofort ins Krankenhaus. Etwas ist in ihrem Bauch. Flüssigkeit..............Die Leukos waren jetzt extrem hoch..... Aber statt er einen Krankenwagen bestellte schickte er uns wieder mit ihr nach Hause und sagte wir sollen ihre Sachen packen und dann in die Klinik fahren........Gesagt getan. Auf dem Weg in die Klinik dachte ich schon sie stirbt. Sie lag in meinen Armen, verdrehte die Augen und sagte..."Mama wann sind wir endlich da?" Auf der Autobahn war auch noch Stau............
Im Krankenhaus Gelnhausen angekommen wurden wir erst einmal abgewiesen. Ich schrie so lange bis wir endlich in den Untersuchungsraum durften. Dort kam ein Arzt und sagte uns die Lage ist lebensbedrohlich. Sie müsste sofort operiert werden, eine Stunde später würde sie so nicht mehr leben. Ihr Bauch sei voll Eiter und sie tippen auf einen Blinddarmdurchbruch. Man sagte uns die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei der OP stirbt, ist sehr hoch. Wir saßen 4 Stunden vor dem OP und beteten und hofften. Sie schaffte die OP gut. Sie sagten uns, sie hätten den Darm gespült und der Bauchraum wäre total voll Eiter gewesen. Jetzt wäre aber alles okay. Sie wüssten aber nicht ob es der Blinddarm gewesen wäre. So viel Eiter hätten sie noch nie gesehen. Den Blinddarm hätten sie aber entfernt - sicherheitshalber. Sie hätte nun auch eine Bauchfellentzündung.
Sie kam auf die Intensivstation. Nachts beschloss man sie mit dem Krankenwagen in die Frankfurter Uni Klinik zu bringen. Ihr Zustand verschlechterte sich. Dort angekommen beruhigte man uns und sagte, sie hätten schon viel schlimmere Fälle gehabt und sie würde es ganz bestimmt schaffen.
Es ging aufwärts...... Bereits Freitags wurde sie wieder mit dem Krankenwagen zurück nach Gelnhausen gefahren, ohne Überwachungsgeräte. Man war überrascht wie schnell sie sich von der schweren OP erholt hatte und wir waren so voller Freude. Montags war mein 40. Geburtstag und sie lachte (zum letzen Mal......) und sprach auch wieder. Ab Mittwoch ging es ihr wieder schlechter. Selina wurde immer ruhiger, schaute wieder nur noch durch uns durch und reagierte kaum noch. Man lachte über sie und sagte sie sei ein Hypochonder und sehr eigensinnig und schwierig. Ich kannte meine Tochter sehr gut und hatte ein ungutes Gefühl. Ich merkte das was nicht stimmte............. Aber man beschwichtigte mich und zwang sie zu trinken, zu essen und zu laufen.
Im Gegenteil, man schickte mich heim damit sie mal alleine bleiben soll und dann vielleicht essen und trinken würde.
Als ich nach einer Stunde wieder kam, schrie und weinte sie und viel fast aus dem Bett. Als ich mich bei einer Schwester beschwerte, bekam ich zu hören das sie Selina gesagt hätte so lange sie den Becher nicht austrinkt, kommt niemand... SIe hat ihn nicht ausgetrunken und so schaute man auch nicht nach ihr.
Im Nachhinein tut das so weh und ist sio unverständlich.
Irgendwann versuchte Selina zu essen und zu trinken - uns zuliebe - meinem Mann und mir.
Aber sie behielt nichts drin. Der Durchfall wurde immer schlimmer. Man stellte bei einem Ultraschall Wasser im Bauchraum fest und sagte das wäre nicht weiter schlimm - sie müsste laufen, dann würde sich das von selbst geben. Also zwangen wir sie auch zu laufen. Sie quälte sich entsetzlich........Wir hörten auf die Ärzte und schimpften sie sogar, weil sie wieder nichts trinken und essen wollte. Im Nachhinein wissen wir jetzt, sie konnte nicht mehr...........
Donnerstag Abend zwang man sie ein großes Stück zu gehen. Sie lief wie eine alte Frau, sichtlich unter großen Schmerzen. Gekrümmt und schwerfällig - es tat mir in der Seele leid. Aber man sagte nur......."na also - geht doch"..............
Donnerstag auf Freitag war die erste Nacht, wo ich nicht bei ihr war. Sonst war ich immer ohne Unterbrechung bei ihr. Meine Schwiegermutter meinte es gut und sagte sie bleibt mal eine Nacht da und ich soll mal schlafen zu Hause. Benjamin würde mich auch brauchen.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen - ging aber dann doch, weil ich dachte, ist ja nur für eine Nacht. Aber Selina bekam immer Fieber wenn ich nicht bei ihr war - wenn ich da war ging es gleich runter. Auch in dieser Nacht bekam sie wieder Fieber und weinte viel.
Freitag früh um 6.00 Uhr ging das Telefon zu Hause - meine Schwiegermutter war aufgeregt dran. Es wurde uns mitgeteilt das es Selina schlechter gehe und sie sofort operiert werden müsse - wegen Wasser im Bauchraum angeblich.
Ich versuchte mit allen Mitteln, dass sie in die Uni Frankfurt gefahren wird und dort die OP stattfindet. Aber man beschwichtigte mich und wurde sogar böse. Sie könnten das selbst und was ich mir einbilden würde, usw.............Zur OP wurde uns wieder gesagt, dass sie lebensbedrohlich sei. Wieder 4 Stunden hoffen, bangen und beten. Sie schaffte die OP außerordentlich gut. Musste danach noch nicht einmal künstlich beatmet werden und wir waren so froh. Man sagte uns, nun würde alles gut werden. Sie hätten das Wasser entfernt und nochmal den Darm gespült. Wir könnten nun positiv in die Zukunft blicken. Sie kam auf die Intensivstation und es war alles normal und hätte in diesem Zustand nicht besser sein können.
Wir waren alle glücklich und dachten nun geht es endlich aufwärts.
Morgens sagten sie uns auf einmal, Selina hätte Nierenprobleme und sollte besser wieder in die Uni Frankfurt gefahren werden. Es wäre ihnen zu kritisch und die Uni wäre wohl doch besser. Sie würde kein Urin mehr lassen können........ Man überlegte sogar einen Rettungshubschrauber kommen zu lassen. Nach langem Hin und Her wurde sie in den Krankenwagen geschoben. Also wieder Uniklinik Frankfurt. Ich fuhr mit dem Krankenwagen mit, wie die letzte Fahrt auch. War so zuversichtlich und dachte jetzt wird alles gut. Hatte doch absolutes Vertrauen zu den Ärzten dort. Auf der Fahrt nach Frankfurt war ein wunderschöner Sonnenuntergang und ich dachte das ist bestimmt ein gutes Zeichen......
Dort wurden wir wieder belächelt. Der Blasenkatheter wurde gezogen und sie machte Pipi!!!!! Er war nur verstopft..........Wir waren soooooooooooooo froh, bestanden aber darauf das sie in der Uni jetzt bleibt, weil wir sie dort für besser aufgehoben hielten. Dann folgten 4 Wochen lang alle möglichen und unmöglichen Untersuchungen. Immer hieß es "es ist die letzte Untersuchung". Ich war immer bei ihr und machte ihr Mut. Sagte sie soll stark sein für uns und wir würden das gemeinsam doch ganz bestimmt alles schaffen. Sie konnte nichts essen und hatte weiterhin ganz schlimmen Durchfall wie Wasser - fast alle 5 Minuten...... Ich war die ganze Zeit bei ihr. Tag und Nacht...........
Die Ärzte sagten sie wissen nicht was sie habe. Alle Untersuchungsergebnisse seien ohne Befund. Es wäre alles okay und doch nicht. Aber die wäre nicht schwerkrank nur krank und man würde schon raus finden, was sie hätte. Öfter wurden uns Krankheiten genannt die sie haben sollte, aber es wurde dann immer widerrufen, weil dann doch nicht alle Werte dazu passten. Die tollsten Krankheiten wurden uns erzählt. Dass sie eine Krankheit hätte wo sie keinen Zucker mehr essen dürfte (Selina war fast 4 Jahre alt und hatte nie Darmprobleme vorher!) und dazu gaben sie uns Zuckerkekse. Aber auch das war es dann doch nicht. Stoffwechselkrankheiten, Darmkrankheiten - die Paletten durch...Fast jeden Tag ein neuer Befund der dann doch widerrufen wurde.
Ich ließ einen Kinderspychologen kommen, weil Selina so komisch war. Sie fing an sich selbst zu zerstören: Biss die Lippen innen und außen blutig, schälte die Haut von ihren Fingern und Händen usw. Sie wollte auch nicht mehr von uns geschmust werden und sah immer fort, wenn wir kamen. Er sagte sie hätte ein Krankenhaustrauma - das sei ganz normal. Heute weiß ich, dass sich so Kinder verhalten, die wissen, dass sie sterben müssen. HEUTE, nachdem ich sehr viele Bücher darüber gelesen habe. Aber damals wo Selina nur krank sein sollte und nicht schwerkrank, liest man keine Bücher über den Tod...............Aber der Psychologe hätte es wissen müssen!!! Auf die Frage später, warum er es nicht gewußt hat, antwortete er mir, hätte er gewußt, dass sie sterben wird, hätte er die Zeichen selbstverständlich erkannt. Aber er wäre nur zu einem kranken Kind gerufen worden und nicht zu einem totkranken. Ist das normal!?!?!?!? Da versteht man die Welt nicht mehr......... Zwischendurch verlangten die Ärzte immer wieder die Unterlagen von dem Krankenhaus in Gelnhausen - sie kamen nicht. Mein Mann fuhr persönlich hin und wollte sie haben - er bekam sie auch nicht. Bis heute wissen wir nicht warum.......... Aber die Herausgabe der Unterlagen hätte vielleicht Selinas Leben gerettet.
Selina wurde immer schwächer und teilnahmsloser. Sie wurde künstlich ernährt, bekam mehrere Antibiotikas gleichzeitig, weil nichts wirkte. Sie hatte immer noch Durchfall wie Wasser und war total wund. Es war so schlimm und ich leidete mit ihr. Das Wasser kam und ging in ihrem Bauch - teilweise wurde es über eine Pumpe und Schläuche abgesaugt! Schrecklich!!!
Auch erbrach sie immer öfter.
Nach langem Hin und Her gab man ihr endlich Cortison. Es sollte schon früher gegeben werden, aber man verschob es Tag für Tag mit der Erklärung uns gegenüber das das Cortison die Untersuchungsergebnisse verfälscht und sie deshalb noch warten, da sie immer wieder neue Untersuchungen machten.
Dann schien es endlich aufwärts zu gehen. Sie wollte wieder malen, sprach wieder und wurde wieder Selina........
2 Tage später setzte man das Cortison wieder ab, obwohl es sichtlich dazu beitrug das es ihr endlich besser geht und das Wasser aus dem Bauchraum verschwindet.
Antwort zu uns auf die Frage WARUM???: Wir wollen sehen was mit dem Körper ihrer Tochter passiert, wenn wir das Cortison weglassen. Auf Dauer ist das Cortison sowieso schlecht.
Ja, sie ließen es weg (Donnerstags) ....und................
da stellte man am nächsten Tag einen Darmverschluss fest - es war der 07.05. Morgens.............. Sie erbrach Galle seit Freitag schon. Aber es wurde als Bagatelle bis zum Montag abgetan. Man versuche es mit Tröpfchen....Verstehe ich auch bis heute nicht..........Abends um 20.00 Uhr - Montags - wurde sie operiert. Es sollte eine absolut harmlose OP sein. Wir machten uns nicht so viele Gedanken wie bei den letzten OP's. Es wurde herunter gespielt als Bagatelle und harmloser Eingriff. Die OP verlief auch angeblich super. Man beglückwünschte uns. Um 23.00 Uhr kam Selina auf die Intensivstation, um 3.00 Uhr morgens durften wir erst zu ihr. Auf die Frage warum, wurde uns immer wieder gesagt, sie hätte Kreislaufprobleme. Als ich sie dann sehen durfte, erkannte ich sie kaum noch.. Sie war völlig unterkühlt, lag in einem Wärmebett und blutete sehr stark aus einer Wunde in der Schulter. Ein Arzt hatte falsch gestochen beim Legen eines ZVK's (Zentraler-Venen-Katheter) - einer zentralen Venenkanüle im Brustbericht. Er hatte eine Hauptader getroffen.........Ihre Beine waren blau und ich war ständig damit beschäftigt sie zu massieren, weil man mir sagte, das sei wichtig für sie. Sie wurde künstlich beatmet und reagierte auf nichts mehr.........Man machte ständig neue Druckverbände, sie hielten nicht. Das Blut schoß aus der Wunde... Man gab teilweise 3 Beutel gleichzeitig an Fremdblut. Es wurde nicht besser. Der Bauch schien zu platzen, die Blutungen wurden immer stärker. Dadurch das bei der OP keine Dränagen gelegt wurden, lief das ganze Blut in den Bauch und fing an alles abzudrücken........... Statt Urin lief Blut in den Beutel. Ich war ununterbrochen bei ihr.......... Dann lief Blut aus der Nase.... Um 7.00 Uhr wurde ein Medikament gespritzt, das ganz schnell das Blut festigen sollte. Das Blut wurde dünner und begann immer mehr zu laufen..........Nun auch aus der Bauchnaht. Man stellte uns nun vor die Wahl, sie ersticken zu lassen, indem man das Beatmungsgerät abstellt, oder sie ausbluten zu lassen.......Sie sagten uns Ersticken wäre furchtbar... Also warteten wir und sie blutete immer stärker. Die Ärzte standen fassungslos daneben. Mittlerweile kam ein Nierenversagen dazu, das Blut drückte alles ab. Ihr Kopf wurde dick - sie war ganz entstellt...............Sie schlossen die Dialyse an. Sie sagten es funktioniert nicht. Sie wüßten nicht warum. Später haben wir dann erfahren, dass sie sie falsch angeschlossen hatten. Der Schlauch lag im Bauchraum..............Um ca. 17.00 Uhr entschloss man sich zu einer Not-OP, um die Blutungen zu stoppen. Die OP gelang. Keine Blutungen mehr. Man atmete auf und sagte, nun schafft sie es doch noch. Er wäre Wahnsinn wie stark sie sei. Mein Mann fiel dem Professor um den Hals und danke ihm................ Wir waren so glücklich. Bei der 4. OP stellte sich auch heraus, dass ihr Darm anfängt sich aufzulösen. Warum wissen wir bis heute nicht. Es wurden Proben nach Amerika, England und Frankreich geschickt - alles ohne Befund!!!! Es stellt sich auch heraus, dass eine Darmnaht geplatzt war - seit wann sie schon offen war wusste niemand.....
Um ca. 20.00 Uhr fingen die Blutungen wieder an..................Jetzt war alles umsonst und nicht mehr aufzuhalten....Um 21.38 Uhr verstarb Selina, nachdem alles Blut aus ihr rausgeflossen war. Furchtbar - den Anblick werde ich nie vergessen können.....................Sie war total entstellt und sah nicht mehr aus wie Selina..........
Sie ging, nachdem ich ihr sagte es hat keinen Sinn mehr - wir haben den Kampf verloren............. So lange ich schrie "verlasse mich nicht, ich kann ohne dich nicht leben", kämpfte sie tapfer, aber aussichtslos, weiter. Das tat so weh..... Ich wollte sie nicht gehen lassen. Sie wartete auf ein Zeichen von mir.....
Ihr Vater holte noch ihren geliebten Kassettenrekorder und spielte ihr ihre Lieblingskassette mit Kinderliedern vor. Ihre Werte gingen kurzzeitig nochmal hoch auf dem Monitor. Dann war die Batterie leer - das Lied verstummte und sie starb.....
Im Nachhinein kamen die Berichte von Gelnhausen. Sie hatten in der 1. OP eine Naht gesetzt im Dünndarmbereich von der niemand wusste. Bei der 2. Not-OP, angeblich wegen dem Wasser im Bauch, war die Naht geplatzt. Man verschwieg es uns und auch der Uni Frankfurt. In der 3. OP war die Naht wieder offen - wer weiß wie lange und wer weiß wie lange Bakterien so in den Bauchraum drangen........Es wusste ja niemand davon...........
Das ist Selinas Geschichte. Sie lässt mich immer noch verzweifeln. Wir wissen bis heute nicht, was sie überhaupt hatte.....................Fest steht nur, dass diese Naht der Auslöser für alles gewesen sein könnte............Da die Uni und wir nichts davon wussten, konnte auch nie kontrolliert werden, ob sie wieder offen ist oder nicht.....................Das sah man erst als es zu spät - war in der 3. OP............
Wir hätten klagen können - aber was hätte das für einen Sinn gehabt? Keine Chance gegen die Ärzte und keine Chance das alles nachweisen zu können.
Wäre sie davon wieder lebendig geworden hätten wir alles dafür getan.
Es ist das Schlimmste was passieren kann, wenn das eigene Kind stirbt...........Die Wunde heilt nie....... Es ist ein unglaublicher Schmerz, den nur Eltern nachempfinden können, die selbst ein Kind verloren haben. Da heilt die Zeit keine Wunden....in Gegenteil - sie reißt immer wieder auf. Mal mehr - mal weniger stark.
Die Sehnsucht und die Traurigkeit bleiben ein Leben lang.
Alleine mein Glaube gibt mir Kraft und Zuversicht weiterzuleben.
Für meinen Sohn und meinen Mann, die zwei Menschen, die ich über alles liebe.
Ich muss stark sein.
Aber...Selina war mein Leben gewesen... Die Hälfte von mir ist mit ihr gegangen und immer bei ihr.
Sie war so tapfer und hat so gekämpft - ohne Aussicht auf Besserung - was wir nicht wussten.
Es ist so ungerecht........
Eine Schwester in der Uniklinik sagte mal zu uns.....ihre Tochter ist so tapfer - ein Erwachsener wäre schon längst aus dem Fenster gesprungen....
Nie werde ich die Bilder aus dem Krankenhaus vergessen können. NIE........
Ute mit Selina immer im Herzen und immer ein Teil bei ihr.........für immer und ewig!
NACHTRAG - 22.10.2006:
Nach über 5 Jahren habe ich einen sehr netten Kinderarzt gefunden, der sich alle Krankenhausberichte nochmal durchlas und meinem Mann und mir die vielen Fragen, die wir noch hatten beantwortete.
FAZIT: Selina hatte keine Chance
bei diesem schlimmen Krankheitsbild. Sie hat von Anfang an umsonst gekämpft
und nur ein Wunder hätte sie retten können - was nicht geschehen
ist...... Die Ärzte haben mit der Behandlung viel zu lange gewartet
und zu diesem Magen-Darm-Virus kam vermutlich eine Blinddarmentzündung
hinzu, die niemand erkannte. Als man aufmerksam wurde war bereits der
KOMPLETTE Bauchraum entzündet und vereitert - d.h. eine komplette
Bauchfell- und Darmentzündung. Ein Teil des Bauchraumes wäre
schon lebensbedrohlich gewesen - bei Selina war es der komplette Bauchraum.....
Das ist in den meisten Fällen sofort tötlich - auch bei Erwachsenen......
Da dann alle Bakterien beseitigt werden müssen und bei der kleinsten
Bakterie, die übrig bleibt, alles wieder von vorne beginnt war
es nahezu hoffnungslos. Alle Antibiotikas schlugen nicht an und das
Cortison hätte man nicht lange geben können und schon gar
nicht mit Antibiotika zusammen. Selina muß sehr schlimme Schmerzen
gehabt haben und total verzweifelt gewesen sein. Sie konnte dadurch
nicht mehr sprechen, essen oder trinken und wußte wohl innerlich
das es keine Hoffnung für sie gab. Trotzdem hat sie alles versucht
und so stark gekämpft. Die Uni Frankfurt hat alles menschenmögliche
versucht und sie trifft vorrangig keine Schuld. Sie haben die teuersten
und besten Medikamente eingesetzt und alles untersucht was es zu untersuchen
gab. Jedoch mit keinem Ergebnis was es letztendlich war. Auch als absolut
keine Hoffnung mehr bestand nach der 3. OP haben sie weiter um Selinas
Leben gekämpft, wo wohl andere schon längst aufgegeben hätten.
Dafür im Nachhinein meinen Dank.
Aber......WARUM hat uns NIE jemand
gesagt wie es um Selina wirklich stand und immer der Spruch....Ihre
Tochter ist zwar krank aber nicht schwerkrank.......??????? SIE WAR
TOTKRANK!!!!!!!!! Und in Gelnhausen sie noch als einen Hypochonder zu
behandeln und sich über sie lustig zu machen???? Das kann ich nicht
verstehen und es macht mich einfach fassungslos. Sie wußten doch
das Krankheitsbild und die Schwere der Krankheit. WARUM hat uns Eltern
niemand aufgeklärt????????? WIR müssen jetzt mit Selbstvorwürfen
leben - hätten vieles anders gemacht, wenn wir alles gewußt
hätten. WIR sind tottraurig und verzweifelt und haben Selina auch
teilweise Unrecht getan, weil wir vollstes Vertrauen zu den Ärzten
und Schwestern hatten . Wir verstehen bis heute nicht,
warum wir so vertraut haben....... Wir kannten doch unsere Tochter und
hätten ihr glauben und vertrauen sollen. Das werden wir uns nie
verzeihen können. Auf unsere Frage, warum man nicht mit Eltern
spricht, wurde vermutet, das es an den Kosten lag!?!? Zu wenig Personal,
zu wenig Zeit............. Einfach OHNE WORTE............ Das einzigste
was tröstet.....Selina hätte wohl immer mit einem Bein im
Krankenhaus gestanden, nie mehr alles essen können, sehr oft heftige
Bauchschmerzen gehabt und evtl. später einen künstlichen Darmausgang
bekommen müssen. Ihr Darm war kaputt. Das hätte sie nicht
gewollt und ich akzeptiere ihre Entscheidung und kann sie verstehen
als ihre Mutter. Ich denke es geht ihr mit Sicherheit - jetzt da wo
sie ist - besser und sie hat keine Schmerzen mehr und muß nicht
mehr leiden. So ein Leben wäre furchtbar für sie gewesen.
Ich lass sie ihren Weg gehen und hoffe sie möge uns verzeihen........
Das alles hat mich für kurze Zeit wieder in ein tiefes Trauerloch
fallen lassen, aber nun weiß ich mehr. Endlich hatte mal jemand
für uns Zeit......
Dafür ganz viel DANKE!!!!
Selina war die Hälfte von
mir.... und diese Hälfte wird immer bei ihr sein und bleiben.
Die andere Hälfte gehört
meinem Sohn und meinem Mann. Bin unendlich dankbar für meine Männer,
die alles für mich tun und ich auch für sie. Hätte ich
sie nicht, wäre ich längst bei meiner Tochter.
Mama von Selina

|